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"In der Kälte" - Alexithymie und Führung.

„Was ist, darf sein, und was sein darf, verändert sich.“ Werner Bock, 2015

A|lexi|thymie

„Es fehlen die Wörter für Gefühle“

Aus dem Griechischen.  A = das Fehlen von, Lexi = Wort, Thymos = Emotion

Bild:Tanz in Baden-Baden, Max Beckmann, 1923 Frankfurt am Main, Öl auf Leinwand, 101x 65,8 cm

Aktuelle Forschungen zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen der Effektivität von Führungskräften und ihrer emotionalen Intelligenz, sowie einen negativen Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und Alexithymie (Kellner, 2018).  Wie kann es sein, dass unserer Alltagserfahrung nach Menschen mit geringer Empathie, mit operativem Denken und Gefühlsblindheit Karriere machen und damit das Leben vieler Mitarbeiter, Kunden, Vertriebspartner, Lieferanten und anderen Stakeholdern negativ beeinflussen?

In diesem Artikel möchte ich einige Überlegungen zu den Rahmenbedingungen, die zu alexithymen Karrieristen führen können, anstellen. In welchen Organisationen können Menschen mit alexithymen Persönlichkeitsmerkmalen aufsteigen? Wodurch werden alexithyme Verhaltensweisen bei diesen Menschen verursacht – ist die Alexithymie ein „state“ oder ein „trait“? Und wie kann man als Organisation mit alexithymen Führungskräften umgehen – individuell und organisatorisch?

Um diese Fragen zu beantworten, widme ich mich zuerst der Epidemiologie (Verbreitung) von Alexithymie, den wesentlichen Merkmalen alexithymer Persönlichkeiten und einem kurzen Abriss zur historischen Begriffsentwicklung und Geschichte der Alexithymie in der Psychologie und der Soziologie. Bevor wir die Frage nach Alexithymie bei Führungskräften näher betrachten, werde ich die Rolle der Alexithymie bei psychosomatischen Erkrankungen näher beleuchten. Dies vor allem, da viele Manager-Erkrankungen wie chronischer Bluthochdruck (Hypertonie), Migräne, Colitis oder Schmerzsyndrome einen großen psychischen Anteil haben. Abschließen werde ich mit der Beantwortung der Fragen, unter welchen Umständen alexithyme Menschen Karriere machen können, wie mit ihnen organisatorisch umgegangen werden kann und warum ein Therapiepessimismus für Alexithymiker nicht angebracht ist.

 

Weitverbreitet und doch Großteils unbekannt: die Alexithymie.

Die Wahrscheinlichkeit im Freundes- oder Kollegenkreis ein informiertes Gespräch über Alexithymie zu führen, ist außerhalb von psychologischen, medizinischen oder soziologischen Fachkreisen ausgesprochen gering. Selbst Google wird nur sporadisch zu diesem Thema befragt – in Österreich kam es in den letzten fünf Jahren an keinem einzigen Tag zu mehr als 100 Suchanfragen zum Terminus „Alexithymie“ (Google Trend Auswertung vom 8.12.2023). Überraschend, wenn man epidemiologischen Studien folgt, wonach 10% der deutschen Bevölkerung (11,1% der Männer und 8,9% der Frauen) und 13% der finnischen Bevölkerung (17% der Männer und 10% der Frauen) (Grabe & Scheidt, 2022) starke alexithyme Merkmale aufweisen. Die Vermutung, die auch durch unsere Alltagserfahrungen bestätigt wird, legt

nahe, dass Alexithymiker in allen Lebensbereichen, auch und vielleicht speziell in der Wirtschaft, eine große Rolle spielen.

Zur Entstehung der Alexithymie-Forschung: Bereits 1924 beobachtete der Schülers Freuds, Sándor Ferenczi, eine auffallende Fantasie- und Emotionsarmut bei Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen (Ferenczi & Rank, 1924). Der Psychoanalytiker Otto Fenichel sprach 1945 vom „emotionally frigide type“ im Zusammenhang mit der Unfähigkeit, Affekte wahrzunehmen und auszudrücken. Er war auch der erste der einen Zusammenhang mit der Somatisierung psychischer Belastungen herstellte (Fenichel, The psychoanalytic theory of neurosis, 1945). Drei Jahre später beschrieb ein weiterer Psychoanalytiker, nämlich Jürgen Rüsch, die Alexithymie als Störung des verbalen und symbolischen Ausdrucks bei Patienten mit einer „klassischen“ psychosomatischen Erkrankung und sah als Ursache einen Stillstand der „Persönlichkeitsentwicklung“. Er nannte daher Alexithymiker auch „infantile Persönlichkeiten“ (Ruesch, 1948). 1949 wurden erstmals auch neurophysiologische Aspekte durch P.D. McLean in die Diskussion eingebracht. In den 50er Jahren entdeckten die Psychoanalytiker Harold Kelman und Karen Horney, dass eine große Anzahl an Patienten in der Psychotherapie nur ein geringes Interesse an Träumen, ein sehr konkretes Denken und eine external orientierte Lebensweise aufwiesen. Zusätzlich beobachteten sie auch das gehäufte Auftreten von psychosomatischen Symptomen in Verbindung mit Essstörungen, Alkoholmissbrauch und zwanghaften Verhaltensstörungen (Horney, 1952) & (Kelman, 1952). Einen Meilenstein in der Alexithymie-Forschung setzten die französischen Psychoanalytiker Pierre Marty und Michel De M’Uzan, die 1963 den Begriff des „operationalen Denkens“ prägten. Psychosomatische Patienten seien oft fantasielos und hauptsächlich mit ihren eigenen körperlichen Symptomen und dem detaillierten Ablauf externer Ereignisse beschäftigt. Außerdem fällt ein Mangel an Beziehungsfähigkeit auf. Sie bezeichneten diese Lebensweise als „via operatoire“ (Marty & de M'Uzan, 1963). 1973 formulierte der US-amerikanische Psychiater Sifneos erstmals eine Ätiologie (Ursache der Erkrankung) zur Alexithymie, die auf einen Mangel der Symbolisierungsfähigkeit und daraus abgeleitet auf einer schwachen intrapsychischen Konfliktfähigkeit aufbaut (Sifneos, 1973).

Die Diskussion zur Ätiologie der Alexithymie wurde auf der 11. Europäischen Konferenz zur psychosomatischen Forschung in Heidelberg fortgesetzt. Von den fünf dort postulierten Ätiologie-Hypothesen sind heute im Wesentlichen zwei übrig geblieben: Ein psychodynamischer sowie ein neurobiologischer Ansatz. Im psychodynamischen Ansatz spielen Überlegungen zum Einfluss infantiler Traumatisierungen und von Defiziten in der frühen affektiven Bindungserfahrung auf die Entwicklung der Affekt-Mentalisierung eine große Rolle. Ursächlich wird eine ungenügende affektregulative Spiegelungserfahrungen durch die Eltern angenommen. In der Forschung werden „not good enough“ Mütter (Winnicott, 2005) beschrieben. Diese sind „übermäßig protektiv“, „verdeckt zurückweisend“ oder „emotional abwesend“ (z.B. aufgrund von Depressionen oder körperlichen Erkrankungen) (Bowlby, 1969, 1973, 1980). Diese unsicheren oder sogar desorganisierten Bindungsmuster führen zu Störungen der symbolischen Affektverarbeitung. Damit wird die Desomatisierung des Kleinkinds gestört. Diese Störung der symbolischen Repräsentationsprozesse führt zur Unfähigkeit, eigene Affektzustände als Gefühle zu identifizieren, zu differenzieren und sprachsymbolisch zu kommunizieren, stattdessen kommt zu Somatisierungen eigener Affektzustände, zu sozialem Rückzug und fehlendem Einfühlungsvermögen gegenüber anderen. Im Gegensatz dazu ermöglicht eine gesunde Entwicklung des inneren Repräsentationssystems, lebenslang eigene oder fremde emotionale Empfindungen und Signale mithilfe dieses reflektierenden „Zwischenraumes“ besser wahrzunehmen, zu tolerieren und zu interpretieren.

Im neurobiologischen Erklärungsansatz zur Alexithymie liegt der Fokus auf möglichen Störungen der interhemisphärischen Verbindungen sowie auf einer Dysbalance auf der Ebene der frontal-subkortikalen neuronalen Schaltkreise. Auch die Bedeutung von familiär-genetischen Aspekten wird untersucht. Dabei gibt es Hinweise auf die wichtige Rolle von genetischen Varianten des serotonergen sowie dopaminergen Systems.  Allerdings ist die Studienlage dazu derzeit noch dünn und teils widersprüchlich. 

Parallel zur historischen Begriffsbildung in der Psychologie und speziell in der Psychoanalyse, hat sich auch die Soziologie über die letzten 100 Jahre mit ausdruckslosen, kalten, langweiligen, emotional-toten Mitarbeitern und Führungskräften sowie mit Organisationen die ein solches Verhalten tolerieren, hervorbringen oder verstärken, beschäftigt. 1922 beschrieb der Soziologe Max Weber in seinem Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß (sic) der verstehenden Soziologie“ die Herrschaft der formalistischen Unpersönlichkeit in bürokratischen Strukturen. „Sine ira et studio“, ohne Hass und Leidenschaft, daher ohne Liebe und Enthusiasmus, unter dem Druck schlichter Pflicht (Weber, 1922).  Ähnliches beschrieb der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem Konzept der „Marketing-Orientierung“ (Fromm, 1947), ein Sozialcharakter mit unsicherer Identität, Orientierungslosigkeit und der Abstinenz von festen Werten. Dieser Charakter sucht die Konformität mit der öffentlichen Meinung oder aktuellen Moden und definiert seinen Selbstwert, indem er in den Augen der anderen als etwas gilt. Alles in dem Ansinnen, immer flexibel auf die Anforderungen des Marktes reagieren zu können. Hier werden unverrückbare Werte als Hemmschuh verstanden. Sein Selbsterleben ist davon abhängig, sich auf dem Personalmarkt wie eine Ware anzubieten und Nachfrage zu erzielen. Eingeschränkte Bindungsfähigkeit sowie Anpassungsfähigkeit bis hin zur Gleichgültigkeit und Beliebigkeit sind Charakterzüge eines Menschen, der dieser Marketing-Orientierung entspricht. Auch David Riesman liefert in „The Lonely Crowd” (Riesman, 1950) eine Sozialcharakter-Entwicklungsstudie, in der er drei Typen in Bezug auf Verhaltenskonformität definiert. Den traditionsgeleiteten Charakter (tradition-directed), den innengeleiteten Charakter (inner-directed) und den aussengeleiteten Charakter (outer-directed). Er postulierte darin schon 1950, dass vor allem in post-industriellen Wohlstandsgesellschaften mit sinkenden Geburten- und gleichbleibenden Sterberaten der aussengeleitete Typus an Bedeutung gewinnt. Wobei aus dem Streben nach Macht, Ruhm, Schönheit des innengeleiteten Typen, das Verhalten der anderen zur maßgeblichen Leitschnur für das eigene Verhalten wird. Von anderen akzeptiert zu werden, für „voll genommen“ zu werden, wird zum zentralen Wert.

Während des gesamten 20. Jahrhunderts fanden sich gegenseitig beeinflussende Diskussionen der Psychoanalyse und der Soziologie zur Alexithymie statt. Wobei die Psychoanalyse die intra- und interpsychischen und die Soziologie die systemischen und sozialen Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen rückte. 

 

Wenn es nicht sein darf: Alexithymie und Somatisierung.

Wir wissen heute, dass defacto jede Krankheit psychosomatisch ist. Natürlich ist der psychische Anteil bei einer Schürfwunde (Vermeidung, Erwartungsangst) und der somatische bei einer Depression (neurobiologische Veränderungen) gering. Dennoch, bei jeder Erkrankung spielen psychische und somatische Faktoren eine Rolle. Wenn wir uns weitverbreitete Manager-Erkrankungen, wie chronischen Bluthochdruck (Hypertonie), Migräne, Colitis oder Schmerzsyndrome ansehen, so ist klar, dass dies alles klassische psychosomatische Erkrankungen sind. Alexithymie ist dabei ein wesentlicher Faktor, der zur verstärken Somatisierung führt. So liegt z.B. der Anteil hochalexithymer Patienten (TAS-20 >= 61. „Toronto Alexithymia Scale“ mit 20 Fragen zur Erfassung von Alexithymie, (Bagby, Parker, & Taylor, 1994)) bei Patienten mit einer somatoformen Störung bei 28,7% und bei Patienten mit diversen funktionellen Schmersyndromen bei 26% und damit wesentlich höher als der epidemiologische Bevölkerungsschnitt von 10 – 15% liegt (Koch, et al., 2015).

Wie kommt es zum gehäuften Auftreten somatischer Symptome bei Alexithymikern?

Schon Freud beschreibt, dass das psychisch nicht erlebbare in körperliche Symptome umgesetzt wird (Freud, 1894). Er nennt diesen Vorgang „Konversion“. Dabei wird der Körper zum Platz für Repräsentationen von beängstigenden, schuld- und scham-beladenen Gefühlen und Wünschen, die zwar psychisch aufgearbeitet, jedoch dann defensiv zurückgewiesen werden. Otto Fenichel und Franz Alexander beschreiben später das Konzept der Affektsomatisierung, bei der unvollständige Repräsentationen von Affekten (wie z.B. bei der Alexithymie) einen „Kurzschluss ins Somatische“ verursachen. Dabei sind im Gegensatz zu Freud diese Affekte noch nicht psychisch aufgearbeitet. Der Körper, der für seine affektbegleitenden körpernahen Erregungszustände keine Einbindung in eine symbolische Repräsentation herstellen kann, somatisiert diese (Fenichel, Allgemeine psychanalytische Neurosenlehre (Band 2), 1945; Alexander, 1950/1971). Aktuelle Forschungen sehen Somatisierungen an der Schnittstelle zwischen impliziter, körpernaher und explizierter, bewusster Affektverarbeitung. An dieser Schnittstelle zwischen Psyche und Körper liefern auch andere Forschungsfelder wichtige Erkenntnisse. Zu diesen Forschungsfeldern zählen die Kognitions- und Neurowissenschaften (Beschäftigung mit Denken und Bewusstsein) und  die Entwicklungspsychologie (Übergang vom frühen körpernahem emotionalen Erleben hin zur Ausbildung von Sprache und Repräsentationen). Beispiele für aktuelle Theorien sind die Multiple-Code-Theorie der emotionalen Informationsverarbeitung (Bucci, 1997), die Affektmentalisierung nach Fonagy (Fonagy, Gergely, Jurist, & Target, 2002) sowie die Theorie der „Levels of Emotional Awareness“ (Piaget, 1974).

Studien belegen, dass unsere Fähigkeit, Gefühle differenziert bei sich wahrzunehmen und diese zu kommunizieren, in einem hohen Maße unsere Gesundheit und sogar unser Überleben beeinflussen (Leweke & Maxeiner, 2022). Daraus folgt aber auch, dass eine Unfähigkeit seine Gefühle wahrzunehmen, zu differenzieren und zu kommunizieren zu wesentlichen gesundheitlichen Risiken führt. Bei der nicht nur bei Führungskräften weitverbreiteten essentiellen Hypertonie (dauerhaft hohen Blutdruck ohne erkennbare Ursache) wird vermutet, dass die Störung in der Affektwahrnehmung und -differenzierung bei Alexithymikern zu einer chronisch sympathischen Hyperaktivität führt und damit arterielle Hypertonie begünstigen könnte. Es gibt mehrere Studien, die diesen Zusammenhang zwischen Alexithymie und Hypertonie bestätigen. Allerdings ist der direkte Ursache-Wirkungs-Zusammenhang (noch) nicht nachgewiesen, jedoch aufgrund der Korrelation von hohen Alexithymie-Werte mit hohen Blutdruckwerten wahrscheinlich. Auch bei der Migräne haben mehrere Studien einen Zusammenhang der Migräne-Stärke mit Alexithymie bestätigt. Die Forschungshypothese besagt, dass negative Affekte bei alexithymen Menschen nur schwer von körperlichen Begleitreaktionen differenziert werden können. Diese Affekte können daher als Verschlimmerung einer bereits bestehenden schmerzhaften körperlicher Erkrankung erlebt werden (Leweke & Maxeiner, 2022).

 

Alexithymiker kapern Unternehmen, oder doch umgekehrt?

Wir wissen nun mehr über die Verbreitung und die Ursachen von Alexithymie. Wie wirkt sich dieses Phänomen nun auf den Wirtschaftssektor aus? Welche Unternehmen sind anfälliger für alexithyme Führungskräfte oder verstärken sogar latente alexithyme Merkmale ihrer Mitarbeiter? Und welche Führungsstile sind möglicherweise auf alexithyme Persönlichkeitszüge zurückzuführen?

Eine Grundsatzüberlegung bevor wir uns verschiedenen Unternehmens- bzw. Organisationstypen näher widmen: In der Alexithymieforschung wird zwischen primärer und sekundärer Alexithymie unterschieden. Die primäre ist jene, die bereits in der Kindheit auf Basis einer gestörten Beziehung zur wichtigsten Bezugsperson entsteht. Dieser alexithyme Kern kann mithilfe anderer Bezugspersonen gut kompensiert werden, sodass diese Personen im normalen Leben unauffällig sind. Jedoch kann dieser alexithyme Kern unter emotionalem Druck wieder zum Vorschein kommen. Als sekundäre Alexithymie versteht man alexithyme Merkmale, die sich in Folge von nicht in der Kindheit liegenden traumatischen Erlebnissen entwickelt haben. Eine Art Coping-Mechanismus, um mit den Überforderungen umgehen zu können. Ich hypothetisiere eine weitere, tertiäre Form der Alexithymie. Diese „tertiäre Alexithymie“ ist nicht permanent, sondern situationsbedingt. Sie folgt damit dem „state“ und nicht dem „trait“ Modell. Menschen mit tertiärer Alexithymie hatten in ihrer Kindheit eine gesunde Beziehung zu ihren wichtigsten Bezugspersonen und konnten dadurch lernen, ihre Affekte wahrzunehmen, zu differenzieren und zu kommunizieren. Jedoch führten eine intensive Identifikation und ein langer Aufenthalt in einem sozialen System (wie z.B. einem Unternehmen), das stark Alexithymie-fördernde Züge aufweist, zu einer Über-Identifikation oder in stärkeren Ausprägungen zu einer Introjektion dieser alexithymen Verhaltensweisen. Die Organisation fördert als „containing function“ (Bion, 1961) das alexithyme Verhalten. Meine Hypothese lässt sich durch eine Analyse möglicher Alexithymie-fördernden Organisationsformen konkretisieren. Der Psychoanalytiker Kets de Vries beschreibt im speziellen zwei Organisationsformen die alexithymes Verhalten nicht nur legitimieren, sondern fördern, stärken und vielleicht sogar verlangen. Dies sind die zwanghafte und die depressive Organisation (Kets de Vries & Miller, The Neurotic Organization, 1985; Kets de Vries & Miller, Personality, Culture and Organization, 1086; Kets de Vries & Miller, Unstable at the Top: Inside the Neurotic Organization, 1988). 

Zwanghafte Organisationen tendieren bürokratisch und nach innen gerichtet zu sein. Mittels einer strikten Hierarchie wird der individuellen Führungskraft ihre Rolle und ihr Status zugeordnet. Entscheidungen werden top-down getroffen. Es wird erwartet, dass sich alle Mitarbeiter streng an die Regeln und Vorgaben halten. Es existiert kein Spielraum für individuelle Gestaltungen, Abweichung, Kreativität. Sklavenhaftes, standardisiertes, programmiertes Verhalten ist gefordert.

Depressive Organisationen sind teils ähnlich zu zwanghaften. Ihnen fehlt jedoch die Ausrichtung, der Daseinsgrund, der „Purpose“ wie es in der modernen Management Literatur heißt. Oft sind protektionistische Mechanismen der einzige Grund, warum solche Organisationen, die jede Veränderungs- und Gestaltungskraft verloren haben, noch existieren. Ergebnisse folgen nicht einer Planung, sondern erwachsen aus alten ritualen, bürokratischen Strukturen und dem Vorschreiben des Bekannten. Es besteht ein Führungs-Vakuum mit einem ausgesprochenen Mangel an Initiative und Veränderungswillen. Passivität, Negativität und Inflexibilität prägen die Unternehmenskultur. Kommunikation wird als Gefahr gesehen. Decidophia ( lat.: „decidere“ = abschneiden, trennen; griech.:  „phóbos“ = Angst), also die Angst vor Entscheidungen, ist in diesen Unternehmen viral und allgegenwärtig (Kets de Vries, Alexithymie in organizational life: The organization man revisited, 1989).

Auch gewisse Managementstile sind von alexithymen Verhaltensmustern geprägt (Kets de Vries, Alexithymie in organizational life: The organization man revisited, 1989). Wieder sind die Tendenzen des Alexithymikers, nämlich Fühlen durch Handeln zu ersetzen, in einem ausgeprägten Aktionismus und „short-termism“, also der Fokussierung auf kurzfristige Projekte mit hoher Schlagzahl und den Mangel an mittel- bis langfristigen Initiativen, erkennbar.

„ The detached CEO“, „Der Unnahbare“: Es handelt sich hierbei um Unternehmensführer mit massiven Problemen im Umgang mit eigenen und fremden Emotionen. Um sich vor emotionalen Verwicklungen zu schützen, koppelt sich dieser Typus ab. Er isoliert sich emotional. McDougall hat Alexithyme-Symptome auch als „schizoide Abkehr von den anderen und eine Aufrechterhaltung eines unlebendigen inneren Zustands“ bezeichnet (McDougall, 1982). Es wird das emotionale Bedürfnis von Mitarbeitern nach Identifikation unterminiert, wodurch Desorientierung, Verwirrung und unter Umständen auch Aggression entstehen kann. Die Unternehmenskultur wird politisch aufgeladen, interne Konflikte weiten sich aus, Bereichsleiter bilden eigene „Königreiche“. Der Informationsfluss wird als Waffe, anstatt zum Wohle des Unternehmens eingesetzt. Der Fokus wandert von der externen Realität zu internen Machtkämpfen. Alexithymie auf der obersten Stufe der Unternehmenshierarchie setzt sich so im ganzen Unternehmen fest (trickle-down).

„The Systems Person“, ich würde es „den Bürokraten“ - in Anlehnung an Max Weber und Erich Fromm nennen (Kets de Vries, Alexithymie in organizational life: The organization man revisited, 1989; Fromm, 1947; Weber, 1922): Hier zählt das System, die Bürokratie. Fokussiert wird auf definierte Abläufe, Prozesse, die Mechanik des Betriebs und nicht auf das zwischenmenschliche Austarieren von Interessen, wodurch Kreativität und Innovation erst ermöglicht wird. Die Einhaltung von etablierten Routinen besiegt das Aufrechterhalten von menschlichen Beziehungen. Auch hier kommt es zu einer Verlagerung des Fokus von extern nach intern. Diesmal nicht aus politischen Gründen, sondern aus „mechanischen“ – es gilt, die internen Prozesse zu 100% zu erfüllen. Die Konsequenzen für diese Firmen sind verheerend, da sie über kurz oder lang unter dem Wettbewerbsdruck kollabieren. Sollten solche Unternehmen tatsächlich länger überleben, ist auch hier meist der Protektionismus am Werk.

„The Social Sensor“, „Die Marketiers“: Nach Erich Fromm (Fromm, 1947) sind dies Marketing-Orientierte Menschen, die sich als „Unternehmensschauspieler“ immer danach richten, was von ihnen gerade erwartet wird. Diese „als-ob“ Charaktere richten, formen und gestalten sich ausschließlich nach aussengeleiteten Kriterien (Riesman, 1950). Dabei sind diese Menschen oft erfolgreich im Vortäuschen von Emotionen und im Verdecken einer inneren Leere.  Vorgegebene erwartete Emotionen werden dargestellt. Die Maske der Extraversion verdeckt den Charakter. Alexithymie könnte ein Grund sein, dass „Marketiers“ lange erfolgreich sein können, ohne unter ihrer fehlenden Authentizität zu leiden. Die einzige nachhaltige Qualität dieser Personen ist ihre unglaubliche Anpassungsfähigkeit.

Organisationen die mit der Negation von Gefühlen, mit Mechanik und Fromm’scher Bürokratie operieren, ziehen nicht nur Menschen mit alexithymen Merkmalen an, sie fördern und verstärken auch latent alexithyme Persönlichkeitszüge, die in anderen sozialen Kontexten nicht zum Tragen gekommen wären. Ist das Gesamtsystem Alexithymie-fördernd, so wird es nur sehr schwer möglich sein, einen gesamtorganisatorischen Kulturwandel einzuleiten. Vor allem, weil ja gerade die Unfähigkeit zum großen, visionären Denken eine Symptomatik der Alexithymie ist. 

Finden sich jedoch alexithyme Menschen in gesunden Organisationen so gibt es Möglichkeiten, sowohl auf individueller als auch auf organisatorischer Ebene zu unterstützen.

Die gute Nachricht für Alexithymiker: Wir wissen aus der Psychotherapieforschung, dass sich der weitverbreitete Therapiepessimismus nicht weiter rechtfertigen lässt. Zwar ist Alexithymie ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal, aber es kann durch Psychotherapie stark reduziert werden. Mehrere Studien berichten von signifikanten Verbesserungen zumindest einiger alexithymer Merkmale am Ende psychotherapeutischer Behandlungen. Zum Beispiel beischreibt Grabe eine Verbesserung des TAS-20 Werts von 66 auf 56 (Rufer & Grabe, 2022). Negativ wirkt sich die oftmals nicht vorhandene Problemeinsicht von Alexithymikern (ein Symptom der Alexithymie) aus, sodass Vertrauenspersonen in der Familie oder dem Unternehmen eine besondere Rolle dabei zukommt, den Betroffenen von der Sinnhaftigkeit einer Psychotherapie zu überzeugen.

Zusätzlich zu den individuellen können auch organisatorische Maßnahmen getroffen werden, sofern die Notwendigkeit zur Veränderung der alexithymen Strukturen von entscheidenden Teilen der Leitung erkannt wird. Wirksame Ansatzpunkte sehe ich vor allem in vier Bereichen: im Vorleben von empathischem Führungsverhalten, in der Förderung von Diversität, im Fokussieren auf Empathie bei der Auswahl und Weiterbildung von Führungskräften sowie in der Unterstützung von Führungskräften, die tendenziell zu Alexithymie neigen. Insoweit auf Ebene der Unternehmensleitung Führungskräfte mit der Fähigkeit und dem Verständnis empathischer Führung vorhanden sind, sollte dieses positive Führungsverhalten mittels „Leading by example“ vorgelebt werden. Damit wird ein impliziter Standard gesetzt, der es Mitarbeitern erlaubt, gegen operatives Denken im eigenen Team anzukämpfen. Gerade in größeren Organisationen kommt es immer wieder zu „clone hirings“, also dem Anstellen von neuen Mitarbeitern, die dem eigenen Profil entsprechen. Hier gilt es explizit Diversität im Personalauswahlprozess zu fördern. Dieser Prozess beginnt bereits bei der Formulierung der Stellenausschreibung und geht bis zum Onboarding des neuen Mitarbeiters. In allen Schritten diese Einstellungsprozesses ist darauf zu achten, die möglicherweise alexithymen Merkmale des einstellenden Managers zu exkludieren und damit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, neue Mitarbeiter zu selektieren, die keine dieser Verhaltenszüge aufweisen. In der Führungskräfteentwicklung und -weiterbildung ist darauf zu achten, nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Führungsqualitäten und -potentiale der angedachten zukünftigen Führungskräfte als Kriterien heranzuziehen. Zu oft wird nach Peter’s Principle vorgegangen „ In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen“ (Peter & Hull, 1972). Beim Alexithymiker scheint diese Stufe der Unfähigkeit aufgrund des Krankheitsbildes bereits auf den ersten Stufen, also mit jeder Führungsrolle, erreicht. Werden bei Führungskräften alexithyme Merkmale auffällig, so sollten sie individuell (Psychotherapie), aber auch strukturell (Mentoring, Weiterbildung, Umstrukturierung des Teams, Aufgabendelegation, etc.) dabei unterstützt werden, eine Aktivierung ihrer latenten alexithymen Anteile zu verhindern.

Ob es möglich ist, Organisationen mit stark ein- und ausgeprägten alexithymen Merkmalen und stark verankerten Aufrechterhaltungsmechanismen über diese Maßnahmen zu ändern, darf bezweifelt werden. Einerseits sind größere Veränderungsprojekte grundsätzlich mit niedrigen Erfolgsraten in der Größenordnung von „einem aus drei Projekten“ versehen (Errida & Lotfi, 2021). Andererseits, verringert die vorherrschende Emotionslosigkeit in alexithymen Organisationen gepaart mit der beschriebenen Tendenz zum Kurzzeit-Aktionismus diese Chancen weiter. Es sind wohl radikalere Schritte wie Aus- und Neugründungen sowie Outsourcing oder Outtasking zu überlegen. Ist die Alexithymie noch nicht gesamtheitlich verbreitet, sondern beschränkt sie sich auf einzelne Abteilungen, sind die Erfolgschancen eines Änderungsprojektes höher und besser einzuschätzen. Vor allem bei Führungskräften mit tertiärem Alexithymismus besteht Anlass zur Hoffnung.

 

In der vorliegenden Arbeit wird darauf verzichtet, bei Personenbezeichnungen sowohl die weibliche als auch die männliche und diverse Form zu nennen. Das generische Maskulinum adressiert alle Leserinnen und Leser und gilt in allen Fällen, in denen dies nicht explizit ausgeschlossen wird, für alle Geschlechter.

 

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